7. Dezember 2019

INTERVIEW: Paul Smith

Paul Smith ist nicht nur Sänger von Maximo Park, sondern auch immer wieder als Solo-Künstler unterwegs. Wir haben ihn vor seinem Auftritt im Frankfurter Nachtleben im November 2019 zum Interview getroffen.

Paul Smith

Mit bleistiftrocker.de spricht Paul Smith unter anderem über das kommende Album von Maximo Park, politische Künstler und Fußball.

bleistiftrocker.de: Du hast deine Solo-Tour zwischen die beiden Rolling-Stone-Festivals Weekender und Park gelegt. War das Absicht?

Paul Smith: Ja. Als ich festgestellt habe, dass zwischen den beiden eine Woche lag, wollte ich meine eigene Tour dazwischen packen. Ich wollte mein aktuelles Album auf jeden Fall hier mit einer Band spielen. Das ist aber leichter gesagt als getan. Es ist recht schwer, das finanziell zu stemmen und ein Publikum zu bekommen. Als das Album rauskam, dachte ich: Vielleicht finde ich einen Weg, es zu tun. Als dann die beiden Festival-Shows feststanden, habe ich mit meinem Manager gesprochen.

Ganz alleine bist du allerdings nicht unterwegs.

Es ist wunderbar, denn ich habe Tom und Jemma, die ganz neu bei Maximo Park ist, für meine Solo-Shows. Ich muss also nicht mal andere Menschen bezahlen, damit sie rüberfliegen. In Zukunft wird es vielleicht auch mal Auftritte nur mit mir und meiner Gitarre geben. Aber mein Album ist eine Rock-Platte, eine Band-Platte. Obwohl ich all die Gitarren und sogar ein bisschen Bass spiele – mehr “homemade” als je zuvor – wollte ich unbedingt eine Band dabei haben.

Und wo ist der Rest von Maximo Park aktuell?

Duncan und Paul, der den Bass spielt, sind daheim und machen sich eine gute Zeit.

Du hast eben schon erwähnt, dass Jemma neu in der Band ist. Sie hat Lukas ersetzt, der nach Australien gegangen ist. Hast du noch Kontakt zu ihm?

Ja, auf jeden Fall. Er hatte vor einigen Wochen Geburtstag, da habe ich ihn angerufen. Er genießt das Leben und ist dort inzwischen richtig heimisch geworden. Für einige Farewell-Shows war er ja noch mal zurück in England. Für uns ist es schön, eine neue Herausforderung zu haben. Wir haben immer versucht, nicht langweilig zu werden und das war jetzt eine Art Zwang, auf den wir reagieren und einen neuen Weg finden mussten, gemeinsam Musik zu machen. Der Kern der Band, der die Songs geschrieben hat, waren aber zumeist Duncan und ich, das hat sich nicht wirklich verändert.

Du bist nicht der einzige aus der Band, der ein Solo-Projekt gestartet hat.

Duncan arbeitet mit seiner Band gerade an einem Album und hat auch eine Solo-Platte veröffentlicht. Und ich bin hier und spiele mein Album. Wenn wir das nicht hätten, würden wir wahrscheinlich ein bisschen verrückt werden. Die Idee, niemand anderem Rechenschaft schuldig zu sein, spricht mich und Duncan gleichermaßen an. Wir sind sehr individuell, aber wir arbeiten natürlich auch gerne zusammen. Es ist eine sehr nützliche Art, die Band weiterhin aufregend zu halten. Wir machen gerade ein neues Maximo-Park-Album. Darauf bin ich gespannt, aber eben auch auf viele andere Dinge.

Die Solo-Projekte sorgen also auch für das Überleben der Band?

Das tun sie. Es gibt so viele Bands, die sich auflösen, weil jemand von den anderen genervt oder frustriert ist oder weil sie eben das gleiche Album immer wieder machen. Ich meine, manche Bands können das und es ist sogar ihre Stärke. Für uns war es aber immer so: Hier ist das Neue, wir können es nicht kontrollieren, aber wir hoffen, dass ihr es mögt. So wird es auch weitergehen. Und die Hardcore-Fans unserer Band wissen das ja auch schon. Das macht dich halt nicht zu einer allzu kommerziellen Band, weil du vielleicht nicht genau das machst, was die Menschen wollen. Du gibst ihnen eher das, was du willst und hoffst, dass sie es mögen. Ich habe immer ein bisschen Angst davor, was Leute darüber denken.

Stichwort Songwriting: An welcher Stelle ist dir klar, ob es ein Solo-Song oder einer für Maximo Park wird?

Das ist schwierig. Wenn ich beispielsweise den Gitarrenpart gerne selbst spiele, will ich eher nicht zu Duncan gehen und ihn das genau so nachspielen lassen. Mein Stil ist sehr mein Stil, schwer zu definieren. Manche Leute finden es eventuell nah dran an Maximo Park, andere wiederum gar nicht. Ich spiele zum Beispiel nie mit einem Plektrum, solche Kleinigkeiten. Manchmal will ich nicht, dass zu viele Dinge verändert werden. Dann mag es die Band entweder oder ich behalte es eben für mich. Beim Schreiben habe ich natürlich schon eine Ahnung, ob es ein Maximo-Park-Song oder eher etwas Persönlicheres für mich ist. Vor allem mein erstes Album ist sehr ungefiltert. Heute denke ich, dass ich bei einigen Songs darauf vielleicht zu weit gegangen bin. Aber das ist wohl ein Teil meines Stils – emotional sein und Emotionen teilen und davor keine Angst zu haben.

Auf “Risk To Exist” wart ihr sehr politisch unterwegs. Wird das auf dem neuen Album auch der Fall sein?

Wir sind gerade beim Schreiben, noch nicht in der Aufnahme-Phase. Ich habe beschlossen, dass die letzte Platte in dieser Hinsicht so offen und einfach war, dass die nächste mehrdeutiger sein soll. Sie soll den Zuhörer zum Nachdenken bringen, ihm ein bisschen Arbeit geben. Für mich ist es auch Arbeit, Joni Mitchell oder Leonard Cohen zu hören und zu denken: Worum könnte es da gerade gehen? Es gibt einige wenige Zeilen, die dir den Weg weisen. Und das habe ich auch immer versucht. Ich schreibe darüber, was mich interessiert und natürlich interessiert mich die Welt um mich herum auch weiterhin. Es wird also weiterhin politische Songs auf dem Album geben, aber vielleicht nicht so offensichtlich. Das Album wird ohnehin etwas anders, weil wir jetzt ja auch ein anderes Line-Up haben. Es wird interessant zu sehen, welche Art Album wir ohne Lukas’ starken musikalischen Einfluss machen werden. Wir wissen noch nicht, wie es klingen soll und werden das Studio als Experimentierfeld nutzen.

Du bist selbst auch ein großer Musikfan. Die Frage, die im Moment kursiert: Kann man Künstler noch hören, auch wenn sie seltsame politische Aussagen machen? Zum Beispiel Morrissey… Was denkst du darüber?

Das ist eine sehr interessante Frage, denn es kommt natürlich auch auf den persönlichen Geschmack an. Wie sehr du bereit bist, das zu verdrängen. Ich war heute im Kunstmuseum hier um die Ecke und in einem der Räume war eine Installation mit Musik der Smiths im Hintergrund, also einem Morrissey-Song – “The More You Ignore Me, The Closer I Get”. Das sind fantastische Songs. Ich war traurig über den Support, den er einer rechten französischen Partei gegeben hat, da ist er völlig fehlgeleitet. Was auch immer er für einen Grund dazu hat. Unglücklicherweise legt sich das wie ein Schatten auf die provokanten Sachen, die er in der Vergangenheit in seiner Musik geäußert hat. Morrissey-Fans haben da sehr viel vergeben, ich wahrscheinlich auch, als ich als Teenager diese Sachen gehört habe.

Es hätte ja auch einfach ein künstlerischer Blick auf die Dinge sein können.

Seine persönliche Sichtweise bringt auch einen neuen Blickwinkel auf seine Kunst. Es hätte ja auch etwas beschreiben können, das passiert ist. Ein Song wie “National Front Disco”, der die Zeile “England for the english” enthält, das ist natürlich eine sehr nationalistische Sichtweise. Persönlich habe ich nicht geglaubt, dass er das ist, der da spricht. Jemand, der Dinge wie “It takes strength to be gentle and kind”, all diese Sachen – wenn du siehst, dass der nun in rechte Dinge involviert ist, die “Britain first”-Partei beispielsweise, das wirft eine Menge Fragen auf. Auch deshalb wollten wir ein Album machen, auf dem wir sagen, was wir fühlen. Wir haben Mitgefühl und wir stehen an der Seite der Immigranten und der Menschen, die versuchen, ein besseres Leben zu finden und die in Schwierigkeiten sind. Das ist aktuell ein großes Thema auf der Welt. Für mich ist es jetzt schwierig, diese Musik zu hören, wenn ich weiß, dass derjenige, der sie singt, mit Menschen zu tun hat, deren Ansichten hasserfüllt sind. Mein ganzes Leben könnte in Morrissey-Songzeilen geschrieben werden, das sind noch immer fantastische Songs, aber für mich fühlt es sich jetzt komisch an.

Machst du als Musikhörer auch Listen?

Es gibt so viel Musik heutzutage, an die du rankommst, dass es gar nicht so einfach ist, sowas zu machen. Aber es gibt natürlich Alben, an die ich denke, wenn ich sowas gefragt werde. Zum Beispiel Life Without Buildings mit “Any Other City” ist mein Lieblingsalbum, das kann ich mir immer wieder anhören und bin jedes Mal wieder erstaunt. An einem anderen Tag sind es aber vielleicht mal andere Sachen, die Go-Betweens – “Liberty Belle and the Black Diamond Express” oder der Wu-Tang-Clan mit “Enter the Wu-Tang (36 Chambers)”. Und dann kommt dir im nächsten Moment wieder was anderes in den Kopf. Es gibt einige perfekte Alben, das macht dann kaum einen Unterschied. Es macht Spaß, darüber zu sprechen. Aber ich habe schon oft gesagt: Das ist der beste Song aller Zeiten. (lacht)

Gehst du auch auf Konzerte?

Ja, zu so vielen, wie ich kann. Ich habe eine kleine Tochter und sie ist zum Mitkommen noch nicht alt genug. Ich war in letzter Zeit also nicht mehr so sehr viel unterwegs. Aber ich mache es noch immer, es ist Teil meines Lebens, ich liebe es einfach. Ich habe kürzlich Cate Le Bon gesehen. Und in Newcastle passiert viel, es spielen immer wieder Bands.

Stimmt es, dass du ein großer Fußballfan bist?

Oh ja, das bin ich. Ich habe mir gerade eben hier in einer Bar das Premier-League-Spiel Liverpool gegen Manchester City angeschaut. Ich schaue so viel Fußball, wie es menschenmöglich ist.

Hast du denn die Chance, in Stadien zu gehen, wenn du auf Tour bist?

An einigen freien Tagen auf Tour bin ich schon bei Spielen gewesen. Ein Bundesliga-Spiel habe ich aber leider noch nicht gesehen. Ich habe immerhin England bei der Weltmeisterschaft 2006 in Köln gesehen, als sie gegen Schweden gespielt haben. Joe Cole hat ein wunderbares Tor geschossen, aber wir waren nicht besonders gut. Und Michael Owen hat sich verletzt. Das war toll, dort zu sein. Und ich gehe so oft wie möglich zu Middlesbrough, das ist mein Team. Natürlich gehe ich auch zu Newcastle, weil ich dort lebe, aber ich feuere sie nicht an.

Gleich geht es für dich hier im Nachtleben auf die Bühne. Bist du vor Auftritten denn überhaupt noch nervös?

Ja, das bin ich.

Auch in so einem kleinen Club wie heute?

Dann sogar noch mehr.

 

Weitere Informationen über Paul Smith

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CD-Review “Diagrams” auf bleistiftrocker.de

Foto: Ivan Jones

 

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