5. August 2017

INTERVIEW: Kevin Devine

Kevin Devine

„Ich bin ein Typ, der nach etwas sucht“

Kevin Devine ist ein sehr umtriebiger Singer/Songwriter. Der Amerikaner bringt regelmäßig Alben und EPs raus und lässt sich mehrmals im Jahr bei uns in Deutschland blicken. Wir haben Kevin Devine auf Tour im Mainzer Club Schon Schön zum Interview getroffen.

bleistiftrocker.de: Du bist gerade auf Deutschland-Tour. Wie läuft es?

Kevin Devine: Das ist heute die letzte Show in Deutschland. Ich habe danach noch zwei Festival-Auftritte, einen in den Niederlanden und einen in Großbritannien. Aber die Shows hier waren wirklich gut, drei oder vier Clubshows und zwei kleine Festivals. Clubshows im Sommer können sehr ruhig sein, aber sie waren trotzdem gut. Aber ich bin auch froh, bald wieder heim zu kommen.

Wie kommt es denn, dass du als Amerikaner so häufig in Deutschland spielst?

In gewisser Weise hat meine Tour-Karriere sogar in Deutschland angefangen. Ich habe mein erstes Album im Alter von 20 Jahren aufgenommen. In meiner Heimat wurde es nur auf einem sehr kleinen Label veröffentlicht, 500 Exemplare oder noch weniger. Aber ein Booking-Agent aus Berlin war in New York und hat mich dort in einem Club spielen gesehen. Als er zurück nach Deutschland kam, hat er einem Label namens Defiance Records in Köln davon erzählt. Also haben sie mich nach Deutschland geholt und ich habe Support für eine amerikanische Band namens Koufax gespielt. Das war im Januar 2003. Die erste Show war in Münster im Gleis 22 und als der Vorhang sich öffnete standen dort 50 Kids, aber sie kannten alle Songs und Texte. Das ist mir daheim nicht passiert, da kannten höchstens meine Familie und meine Freunde meine Musik. Ich komme immer wieder zurück, weil ich es gerne mag, sehr gut behandelt werde und weil ich hier ein Publikum habe.

Schreibst du denn auch Songs, während du auf Tour bist?

Manchmal mache ich das, auf dieser Tour allerdings nicht. Ich schreibe mir aber manchmal Gedanken oder Gedichte auf. Touren ist aber sehr fordernd und obwohl ich viel Zeit habe, bin ich ständig in Bewegung. Zum Schreiben brauche ich allerdings Ruhe. Und wenn ich auf Tour Ruhe habe, dann erhole ich mich. Aber ob ich jemals Songs auf Tour geschrieben habe? Natürlich, sehr viele. Sechs oder sieben meiner Songs habe ich in Deutschland geschrieben, vielleicht waren es sogar noch mehr. Bevor es Smartphones und Laptops gab, hat man ein Notebook und ein Buch mitgenommen, oder vier Bücher. Ich habe viel gelesen, als ich in meinen frühen Zwanzigern auf Tour war. Wenn ich jetzt ein Buch mitnehme, fühle ich mich wie ein intellektueller Champion. Und ich habe jetzt eine 16 Monate alte Tochter, nach einer Show spreche ich natürlich am liebsten mit daheim.

Das Smartphone hat deine Tour-Gewohnheiten also sehr verändert?

Auf jeden Fall. Ich schaue auf Yelp, wo ich Essen gehen kann, lade mir Podcasts für die Fahrt runter, streame Audios und nutze Maps. Es ist verrückt, unser ganzes Leben ist nun in diesen Dingern. Es ist ein bisschen beängstigend für jemanden, der 37 Jahre alt ist. Mein halbes Leben lang hatte ich es nicht und die andere Hälfte das alles. Es ist verwirrender für mich als für 25-Jährige.

Was sagst du zum Tod von Linkin-Park-Sänger Chester Bennington?

Ich finde das sehr traurig. Er war nicht viel älter als ich und hatte sechs Kinder. Ich war ein bisschen zu alt für Linkin Park, als sie auf der Bildfläche erschienen sind. Zu der Zeit war ich einfach an einer anderen Art von Musik interessiert. Darauf kommt es aber nicht an, wenn man über das Leben eines Menschen spricht. Für Leute, die etwa zehn Jahre jünger sind als ich, waren sie eine sehr wichtige Band. Ich erinnere mich daran, wie Kurt Cobain gestorben ist. Da war ich 14 und richtig traurig. Und ich war 23, als Elliott Smith gestorben ist und das war noch trauriger. Ich kann gar nichts Smartes sagen. Jeder Tod ist traurig. Aber wenn es das ist, was die Person tun musste, wer bin ich, das zu beurteilen? Ich bin in meinem Leben an einer Stelle, an der ich bereits Freunde, Eltern und Familienmitglieder verloren habe. Und dann verliert man die Figuren aus der Kultur. Es sind verschiedene Arten der Traurigkeit und der Intimität. Je älter man wird desto klarer ist einem, wieviel Zeit man hat. Wenn man solche News hört, trifft einen das. Ich fühle mit seinen Kindern. Ich hoffe, dass es ihnen gut geht.

Du hast Elliott Smith gerade angesprochen. Er gehört genauso zu deinen Einflüssen wie Bob Dylan und Neil Young. Hast du denn auch noch weniger prominente Künstler, an denen du dich orientierst?

Ich bin mit Hardcorde und Punkrock aufgewachsen. Die Szene war sehr politisch, intellektuell und philosophisch. Das war natürlich ein großer Einfluss. Dazu Indie-Rockbands wie Pavement, Built To Spill, R.E.M., Modest Mouse, dann Sachen wie Sinead O’Connor, Cat Power, Bands wie Helium und Velocity Girl. Generell viel Indie-Rock der Neunziger. Und die Songwriter, die wir schon genannt haben. Es ist ein Mix aus Punkrock, Indie-Rock und Songwriter-Musik.

Du hast bereits deine eigene Version des Nirvana-Albums „Nevermind“ aufgenommen. Gibt es noch ein anderes Album, das du gerne covern würdest?

Ich wollte immer das Album „If You’re Feeling Sinister“ von der schottischen Band Belle and Sebastian machen. Ich weiß nicht, ob ich es jemals tun werde, aber das ist das einzige andere Album, an das ich denke. Und es ist komplett anders als Nirvana. Aber das Album hat mir sehr viel bedeutet, als ich 19 war. Jedes Mal, wenn ich es höre, denke ich ‚Oh mein Gott, die Songs sind perfekt.‘ Vielleicht mache ich es eines Tages. Ich muss noch jemanden finden, der die Flöte spielt. Es ist weniger eine Sache von drei Menschen im Keller wie bei Nirvana. Ich bräuchte richtige Musiker.

Welches deiner Alben würdest du denn jemandem empfehlen, der bisher noch nichts von dir gehört hat?

Meine Alben sind sehr unterschiedlich und es kommt darauf an, was du magst. Manche meiner Sachen sind eher Folk-Musik, andere eher Punk-Musik oder irgendwas dazwischen. Ich empfehle den Leuten aber immer, mit dem neuesten Album anzufangen und sich dann zurückzuarbeiten. In Sachen Präsentation ist es mit jedem Album ein bisschen besser geworden. Das neueste Album ist immer am nächsten an dem dran, wo ich gerade bin. Aber ich denke das bekannteste Album, das ich bisher gemacht habe, ist „Brother’s Blood“ von 2009. Meine Fans würden also vielleicht das empfehlen. Aber ich würde dann doch „Instigator“ sagen.

Gerade bist du auf Solo-Tour, aber häufig bist du auch mit deiner Band unterwegs. Was magst du lieber?

Es kommt darauf an. Die Solo-Sache ist sehr direkt, aber ich mag auch die Dynamik und die Lautstärke der Band. Und natürlich bin ich gerne mit meinen Freunden zusammen. Ich spiele aber gerne allein, alle Songs sind dafür geschrieben und starten mit mir und meiner Gitarre. Seit April habe ich so ziemlich jede Show alleine gespielt. Wenn ich nach dieser Tour heimkomme, stehen wieder einige Konzerte mit der Band an und ich freue mich schon sehr darauf, wieder Teil einer Rockband zu sein.

Du hast in deiner Karriere sehr viele Alben und EPs veröffentlicht. Bist du ein Workaholic?

Einige sagen das vielleicht. Ich denke eher, dass ich ziellos und langsam bin. Ich glaube, dass ich die Arbeit manchmal nicht sehen kann, weil ich so tief drinstecke und ich brauche andere Menschen, die mir sagen, dass ich viel schufte. Aber ich selbst sehe das nicht. Ich sehe eher jemand anderen, der härter arbeitet. Ich mag alle meine Alben aus verschiedenen Gründen, aber ich beiße mich nicht drei Jahre an einem Album fest und versuche jede Kleinigkeit auszutüfteln. Es soll ein Dokument dafür sein, wo ich zu diesem Zeitpunkt war. Und wenn etwas nicht ganz passt, ist das okay. Ich bin vielleicht kein Workaholic, aber ich will, dass jeder Song gut ist und es wert ist.

Auf deinem aktuellen Album ist ein Song über den 11. September, auch sonst singst du häufiger politische Songs. Das ist deutlich vielschichtiger als der typische Singer/Songwriter, der nur über die Liebe singt. Wie kommt das?

Die meisten Songwriter, die ich mag, sind nicht die typischen Singer/Songwriter. Sie singen über soziale Gerechtigkeit, Politik oder andere Dinge deiner emotionalen Welt abgesehen von Liebe und verlorener Liebe. Nebenbei bemerkt liebe ich viele dieser Songs und schreibe auch solche. Aber sie sind nun mal nicht die einzige Sache. Wir leben in einer viel reicheren Welt als nur das. Ich schreibe auch darüber, eine Person zu sein und gerade jetzt ist es ein Akt des großen Willens, nicht darüber zu schreiben, was in der Welt passiert. Wir sind alle so vernetzt im Moment und jeder ist betroffen von dem verrückten Mist, der passiert. Es ist ein großer Teil meiner Persönlichkeit, sich mit diesen Dingen auseinanderzusetzen. Wenn ich darüber nicht schreibe, mache ich meinen Job nicht. Und auch wenn es mir nicht hilft, Platten zu verkaufen, das Publikum, das ich habe, fühlt sich immerhin genauso. Jeder sucht doch nach etwas. Du könntest meine 150 Songs in einem Satz zusammenfassen: ‚Da ist ein Typ, der nach etwas sucht.‘ Und es hängt alles zusammen. Der 11. September hängt mit allem zusammen, was gerade politisch und sozial passiert.

Gerade als Amerikaner muss dir Politik aber doch gerade zum Hals raushängen.

Ich bewahre eine größere Distanz als früher. Manchmal fühle ich mich, als würde ich meiner Bürgerpflicht deshalb nicht nachkommen. Man könnte sich 24 Stunden am Tag mit allem beschäftigen. Ich versuche, bei den wichtigen Dingen auf dem Laufenden zu bleiben. Und ich unterstütze die Dinge, die ich unterstützenswert finde. Auch wenn wir die Politik aktuell leid sind, kann ich mich nicht komplett davon lossagen, denn es ist wichtig. Es macht gerade keinen Spaß, was passiert, es ist wirklich beängstigend. Das war es schon immer, aber eher unter der Oberfläche. Und jetzt ist es in der Luft. So zu tun, als habe es erst mit dem Brexit oder Trump angefangen, ist einfach falsch. Aber sie sind auf jeden Fall die Spitzen der Hässlichkeit. Ich verbringe jetzt deutlich mehr Zeit damit, meiner Tochter das Alphabet vorzusingen anstatt CNN zu lesen. Aber ich möchte mich natürlich weiterhin beteiligen, denn wir müssen uns wehren.

Viele Künstler inspiriert diese Unzufriedenheit mit der Politik ja auch.

Es hat auf jeden Fall einen Nerv bei Künstlern getroffen. Man hört viel mehr von ihnen, die sich öffentlich dazu äußern, wie unzufrieden sie sind, von solchen Menschen repräsentiert zu werden. Es ist peinlich und entwürdigend. Die Menschheit wird entwürdigt, wenn solche Leute an die Macht kommen. Trump ist einfach ein richtig schlechter Typ. Er interessiert sich nur für sich und Geld. Und er führt die freie Welt aktuell an. Es ist beängstigend und muss ständig angesprochen werden.

Und das tust du auch?

Auf meine eigene kleine Weise. Bei manchen meiner Shows sind 800 Menschen, bei anderen 50, bei Festivals 10.000. Ich habe eine wirklich erfolgreiche Karriere als Musiker, für die ich dankbar bin und ich möchte etwas machen, das den Menschen etwas bedeutet. Aber ich bin keine Berühmtheit.

Was war die größte Show, die du je gespielt hast?

Die größte Show als eigener Headliner war vor 1400 Menschen in New York. Die kleinste war vermutlich vor zwei Menschen. Wir haben außerdem all diese großen Festivals wie Coachella, Bonnaroo und Lollapalooza gespielt, vielleicht vor 10.000 bis 20.000 Menschen. In Kürze spielen wir wieder beim Lollapalooza und eröffnen die Hauptbühne, das könnte das größte Publikum für uns werden. Allerdings spielen wir gegen 13 Uhr und der Headliner ist Lorde. Aber ich denke da werden einige Leute früh kommen und den ganzen Tag auf sie warten. Und wenn nur 100 von denen danach auch meine Fans sind, geht es wieder ein Stück aufwärts. Das ist das Ziel.

Du bist jetzt schon seit über 15 Jahren im Musikbusiness …

… oder sogar noch länger. Zum ersten Mal fürs Musikmachen bezahlt wurde ich 1994. Aber so richtig als Musiker bezeichne ich mit etwa seit den frühen Nuller-Jahren, das stimmt.

Dann kannst du diese Frage umso besser beantworten: Was hat sich denn seit deinen Anfängen am meisten verändert?

Das Internet hat alles verändert. Die Art, wie Musik verkauft und gekauft wird. Auch die Art, wie Labels arbeiten und Promo gemacht wird. Man interagiert anders mit seinen Zuhörern, Musik-Premieren sind anders. Und natürlich auch die Aufnahme-Technik, die Möglichkeiten, die wir nun haben, sogar auf einem Laptop gut klingende Alben aufzunehmen. Ich könnte meinen Laptop, ein Mikrofon, eine externe Festplatte und Kopfhörer mitbringen  und damit sogar auf Tour ein Album machen, wenn ich wollte. Das Internet hat auch das Touren verändert. Auf meiner ersten Tour hatte ich Landkarten dabei und habe die Promoter aus Telefonzellen angerufen. Und man hatte dicke Mappen mit ausgedruckten Plänen dabei. Jetzt muss ich mir um nichts Gedanken machen bis fünf Minuten vor Abfahrt. Allerdings wird die Mittelklasse in der Musik auch immer kleiner. Du bist entweder oben oder unten. Und ich war eigentlich immer in der Mitte, man arbeitet also wirklich hart, um dort zu bleiben. Wir haben ein Album namens „Put Your Ghost To Rest“ mit Rob Schnapf aufgenommen. Der hatte schon mit Elliott Smith und Guided By Voices gearbeitet. Das haben wir in einem Studio getan, in dem Prince „Purple Rain“ aufgenommen hat, auch Guns’n’Roses, Neil Young und Led Zeppelin waren zuvor dort. Das passiert Künstlern von meiner Größe inzwischen nicht mehr.

Und wie hast du dich über die Jahre verändert?

Ich denke, dass ich die Realität besser akzeptieren kann und darauf reagiere und sie nicht nach meinem Willen zu verbiegen versuche. Das ist sinnlos. Ich bin jetzt ein besserer Musiker als früher, ich kann mehr spielen und mehr performen. Ich mag meine Art zu schreiben, sie ist jetzt fokussierter. Ich bin nicht mehr so emotional wie früher. Und meine Erwartungen haben sich verändert. Ich habe nie damit gerechnet, berühmt zu werden oder davon leben zu können, aber ich wollte es immer sehr gerne. Jetzt weiß ich, dass es funktioniert.

 

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