Eindrücke von der ersten Durchlaufprobe des zweiten ESC-Halbfinals 2023

Das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contest 2023 ist erstmals komplett durchgeprobt worden. Hier sind unsere Eindrücke.

Voyager, Eurovision Song Contest 2023

Analog zu den Proben zum ersten Halbfinale am Montag und Dienstag wird auch das zweite Semi insgesamt drei Mal in Gänze durchexerziert. Das Opening-Video war dabei am Mittwochnachmittag allerdings noch nicht zu sehen.

Dieses Mal kämpfen 16 Acts um die letzten verbliebenen Startplätze, nachdem am Dienstag schon zehn ins Finale eingezogen und fünf ausgeschieden waren.

Reiley bunt, Brunette tanzt

Reiley aus Dänemark eröffnet das zweite Halbfinale mit „Breaking My Heart“. Sein Staging ist sehr bunt, ähnlich wie im Musikvideo. Er läuft durch eine interessante Kulisse, die ein bisschen an Rosa Linn im vergangenen Jahr erinnert. Irgendwann bricht er jedoch aus dem Bühnenbild aus und singt weiter vorne zu Ende. Der Verzerrungseffekt im Refrain ist nicht mehr so stark wie im dänischen Vorentscheid, der Gesang aber etwas dünn. In der ersten Durchlaufprobe war zudem noch ein recht grober Produktionsfehler dabei, als ein Kameramann mit Steady Cam sehr lange im Bild zu sehen war – ausgerechnet in dem Ausschnitt, der später auch für den Schnelldurchlauf genutzt wurde.

Brunette ist dann mit „Future Lover“ für Armenien auf einer schrägen Plattform zu sehen, auf der viele visuelle Effekte stattfinden. Durch die Lichtspielerei ist die Sängerin auch häufig mal sehr dunkel und dadurch kaum zu sehen. Ihren Rapteil gibt sie stehend zum Besten, sehr überraschend gibt es dann sogar noch eine Tanzeinlage.

Für Rumänien ist Theodor Andrei mit „D.G.T. (Off And On)“ am Start – dieses Mal ohne Stripshow wie im Vorentscheid, sondern die meiste Zeit alleine. Allerdings begleiten ihn zwischendrin zwei große Projektionen von ihm selbst, was eher seltsam wirkt. Er singt inbrünstig, aber doch eher verloren. Ganz zum Schluss kommt noch eine Tänzerin in Gold hinzu, aber das dürfte insgesamt zu wenig sein, um überzeugen zu können.

Alika überzeugt, Andrew Lambrou steht im virtuellen Regen

Stichwort überzeugen: Das schafft Alika mit ihrer starken Stimme beim Auftritt mit „Bridges“ für Estland. Das Klavier spielt wie im Vorentscheid wieder selbst, wobei Alika warum auch immer auch kurz spielend daran sitzt. Für den ruhigen Track ist sie vergleichsweise viel auf der Bühne unterwegs, Effekte werden sparsam aber wirkungsvoll eingesetzt bis hin zum Ende auf einer goldenen Bühne. Ein toller Auftritt, der hoffentlich nicht zu ruhig für das große Spektakel ESC ist.

Gustaph beginnt sein „Because Of You“ für Belgien auf einer Treppe im Dunkeln, hinter ihm ist sein weißer Kopf zu sehen. Gustaph geht die Treppe recht bald runter, seine Tänzerinnen stellen sich eine Zeit lang drauf, dann sind alle weiter vorne zu sehen und legen ihre gut gelaunte Show hin. Sehr sympathisch.

Andrew Lambrou reiht sich in die Riege derer ein, die barfuß auf der Eurovision-Bühne stehen. Der Australier, der mit „Break A Broken Heart“ für Zypern startet, steht die meiste Zeit vor einem virtuellen Wasserfall, der zum Teil auch einfach wie Regen aussieht und der hinter ihm immer stärker auf der Leinwand fällt. Später wechselt das Setting zu Feuer und Funken, während der Sänger den Auftritt auf der Vorderbühne beendet. Auffällig ist, das bei ihm gefühlt viele Vocals vom Band kommen.

Anstrengend wird dann die Show von Diljá aus Island. Ihr Song heißt „Power“ und genau das strahlt sie auch aus. Dabei wirkt sie im recht dunklen Bühnenbild etwas überdreht, mal sitzend, mal liegend, die Tanzmoves sind eher gewöhnungsbedürftig und auch beim Gesang gibt sie eher zu viel als zu wenig – ein konfuser Eindruck, den man auch schon beim Vorentscheid hatte.

Blanka überrascht für Polen

Eher verloren wirkt danach Victor Vernicos mit „What They Say“ für Griechenland. Er steht alleine im Safari-Look auf der Bühne, ist in den Visuals aber sowohl auf dem Boden als auch auf der Leinwand selbst ebenfalls zu sehen. Er wirkt zumeist angestrengt und gehetzt, im Refrain hibbelt er mehrfach rum wie ein Seilspringer. Immerhin nutzt er für seine Performance die ganze Bühne aus.

Eine erstaunliche Wandlung hat Blanka aus Polen hingelegt: Von einem eher schlechten Auftritt im Vorentscheid hin zu einer Show, die sie durchaus ins Finale bringen könnte. „Solo“ hat bunte Farben, Urlaubsfeeling und interessante Video-Effekte. Es gibt eine niedliche Choreo und eine Tanzeinlage, die durch Bildschirm-Effekte spannender wirkt, als sie in Wahrheit ist. Dazu sind die Vocals, die natürlich auch zum Teil vom Band kommen, deutlich verbessert.

Wie erwartet liefern Joker Out für Slowenien mit „Carpe Diem“ eine herrliche Show. Sie stehen im Bandsetting auf der Vorderbühne, flirten mit der Kamera, interagieren untereinander und haben und machen einfach Spaß. Und dürften Europa damit locker von sich überzeugen.

Eher statisch wirkt danach Iru, die mit „Echo“ für Georgien am Start ist. Sie steht zwischen zwei sehr hohen Leinwänden, hinter denen ist ihr weißes Kleid offenbar festgeklemmt, was seltsam aussieht. Sie singt um ihr Leben, dazu kommt die Windmaschine zum Einsatz. Insgesamt ist der Auftritt jedoch eher Durchschnitt.

Teya und Salena liefern ab

Die Piqued Jacks für San Marino setzen ganz auf Rockshow in rot und schwarz. Die Band steht recht weit auseinander. Es gibt auch hier eine Einstellung im Liegen mit Sänger E-King, der später über den Catwalk nach vorne läuft. Ob das für den Finaleinzug reicht, bleibt aber fraglich.

Das Finale sollte für Österreich mit Teya und Salena kein Problem sein. Ihr „Who The Hell Is Edgar?“ inszenieren sie mit Tänzerinnen auf der Bühne und der Leinwand, mit den schon im Musikvideo etablierten Bewegungen und ganz in schwarz, weiß und rot. Die beiden bringen Spaß und Aussage des Songs gleichermaßen rüber, auch ihre gute Chemie kommt an. Sehr gelungen.

Albina und Familja Kelmendi bringen dann familiäres Drama auf die Bühne. Die Sängerin steht natürlich im Fokus, alleine schon durch ihr extravaganteres Outfit. Der Rest der Familie bleibt zumeist im Hintergrund und steht vor allem zu Beginn recht weit voneinander entfernt. Zwischendurch führen alle eine kleine Choreo mit roten Tüchern auf.

Voyager als krönender Abschluss

Beim Monika Linkyte ist das grundsätzliche Setting wie im Vorentscheid in Litauen. Sie beginnt alleine, bekommt dann aber Unterstützung von vier Chorsängerinnen, die sie im Laufe der Performance auch alle einzeln ansingt. Weder Song noch Show sind spektakulär, aber immerhin sympathisch.

Spektakulär wird es dann aber zum Schluss mit Voyager aus Australien. Deren deutschstämmiger Sänger Danny Estrin beginnt in einem Auto sitzend, mit seiner Keytar auf dem Beifahrersitz. Es entwickelt sich eine bunte und energiegeladene Show, auch die Windmaschine ist wieder dabei. Ein starker und glamouröser Auftritt.

Auch Blanca Paloma, Tvorchi und Mae Muller dabei

Auch die verbleibenden drei fest qualifizierten Länder waren in der Probe und damit erstmals für die Presse zu sehen. Blanca Paloma für Spanien mit „Eaea“ bleibt ihrem Auftritt aus dem spanischen Benidorm Fest treu mit Tänzerinnen und einer Kulisse aus roten Schnüren. Auch sie nutzt die Visuals am Boden für einen netten Effekt mit einem hellen Kreis, außerdem gibt es eine hübsche Lichtspielerei auf ihrer Hand.

Fehlen nur noch die gastgebenden Länder: Tvorchi für die Ukraine haben ihrem Auftritt mit „Heart Of Steel“ ein Upgrade für die große Bühne verpasst, nachdem sie es im heimischen Vorentscheid in einem Luftschutzbunker aufführen mussten. Die vier Würfel mit den Visuals sind geblieben und werden munter für hübsche Darstellungen genutzt. Zwei Tänzer sind mit dabei und werten die Performance noch weiter auf. Sehr schick.

Mae Muller für Großbritannien inszeniert ihr „I Wrote A Song“ komplett anders: Es gibt PopArt-Stil, man fühlt sich zwischenzeitlich wie in einem hektischen Comic. Jetzt schon ins ESC-Museum für verrücktes Staging kann der Shot zu Beginn, bei dem die Sängerin vor der Leinwand steht, auf der ihr eigener Kopf auf Stirnhöhe durchgeschnitten wird. Farbenfroh, aber vielleicht auch etwas zu anstrengend für eine gute Platzierung.

EBU-Pressekonferenz lässt Fragen offen

Am Abend gab es dann noch eine Pressekonferenz von EBU und BBC. Martin Green, „managing director“ der BBC für den Eurovision Song Contest 2023, konnte dabei die Gesamtkosten des Events noch nicht beziffern, versprach aber, dass sie nach Abschluss des ESC veröffentlicht werden sollen.

Martin Österdahl, Executive Supervisor des ESC, musste sich derweil einige kritische Fragen gefallen lassen, denen er häufig auswich. Zum Beispiel der nach dem zweifelhaften Sponsor TikTok. „Wir sind uns der Diskussion rund um Tiktok bewusst und verfolgen sie sehr genau. Wir werden sehen, wie die Situation ist, wenn dieser Vertrag ausläuft“, so seine Antwort.

Zur Frage danach, warum die Presse in diesem Jahr keinerlei Einzelproben sehen durfte, die Einzelpressekonferenzen abgeschafft und das Pressezentrum vor Ort erst spät geöffnet wurde, hatte er dann eine eher seltsame Erklärung: Zum einen wolle man das Event „wirtschaftlich nachhaltiger“ machen, zum anderen habe es in der Vergangenheit viel „toxische Berichterstattung“ vor allem zu einem frühen Zeitpunkt der Proben gegeben und man müsse auf die mentale Gesundheit der Künstler*innen achten. Angaben zur angeblich eingesparten Summe und Belege für „toxic coverage“ blieb Österdahl schuldig – ebenso wie die Erklärung dafür, dass man Probenfotos und -videos auf eigenen Kanälen veröffentlicht, obwohl man die Acts doch angeblich schützen möchte.

So geht es weiter: Am Mittwochabend um 21 Uhr steht die zweite Durchlaufprobe des zweiten Halbfinals an. Dann werden auch die Auftritte von Spanien, der Ukraine und Großbritannien gefilmt, die morgen nach der Liveshow online gestellt werden. Am Donnerstag um 14.30 Uhr ist die Generalprobe, die Liveshow beginnt um 21 Uhr. Danach stehen alle 26 Finalacts fest und die genaue Startreihenfolge wird festgelegt, in der dann ab Freitagnachmittag geprobt wird.

 

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Foto: Chloe Hashemi / EBU

 

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