INTERVIEW: Giudi

Sängerin Giudi kämpft aktuell mit dem Song “Jezinky” um das tschechische Ticket für den Eurovision Song Contest 2022. Wir haben mit ihr gesprochen.

Giudi

Im Zoom-Interview mit bleistiftrocker.de spricht Giudi unter anderem über den Schreibprozess von “Jezinky”, ihre Verbindung zu Italien und ihren speziellen Look.

bleistiftrocker.de: Die Entscheidung, ob du für Tschechien zum Eurovision Song Contest fahren darfst, fällt am kommenden Donnerstag. Wie verbringst du die Zeit bis dahin?

Giudi: Hauptsächlich gebe ich Interviews. Und bin daheim mit meinem Hund. Es ist ja gerade eine Zeit, in der man nicht wirklich zu Partys gehen kann oder so, die Situation hier wird wieder schwieriger. Ich versuche also, zuhause zu bleiben. Ich arbeite von hier aus und verbinde mich mit Leuten. Ich bekomme so viel Rückmeldung gerade und versuche, mit allen zu kommunizieren, denn dafür tue ich das alles. Für eine Künstlerin wie mich ist es wichtig zu wissen, welche Message bei den Leuten angekommen ist. Das ist spannend und ich genieße es.

Hast du denn auch Kontakt zu den anderen Acts, die in Tschechien gerade zur Wahl stehen?

Ja, wir treffen uns immer in Live-Chats oder so. Es ist eine kleine Szene, wir kannten uns also auch schon vorher. Es ist alles sehr nett zwischen uns.

Worum geht es in deinem Song “Jezinky”?

“Jezinky” handelt von den Hexen im Wald. Ich nutze sie als Metapher für unsere Ängste und Unsicherheiten. Als ich den Song geschrieben habe, war es pure Emotion. Ich hätte mir nicht vorstellen können, damit an einem Wettbewerb teilzunehmen, es war einfach organisch. Ich habe gar nicht richtig realisiert, was in diesem Raum passiert ist, ich habe einfach das gesungen, was ich gefühlt habe. Dann habe ich gemerkt, was der Song für eine Power hat. Alles hat so gut zusammengepasst. Es handelt davon, sich seinen Dämonen zu stellen. Wir haben alle Ängste, es geht darum, sie zu benennen und sie uns nicht kontrollieren zu lassen. Es ist eine Art Befreiung unseres Geistes. Es ist wichtig, auch negative Emotionen auszuleben, es hilft uns, sich zu öffnen und leichter zu leben.

Wie ist er denn genau entstanden?

Ich hatte eine Songwriting-Session mit meiner Kollegin und Freundin Amelie Siba, die auch aus der tschechischen Alternative-Szene kommt, und einem Produzenten aus Großbritannien, Joshua James. Es war ein magischer Moment. Ich habe mit dem Basslauf angefangen und dann kam mir das Wort “Jezinky” in den Sinn. Dann war ich so aufgeregt und habe gesungen, gesungen, gesungen. Nach einigen Stunden habe ich durchgeatmet und wir haben uns angeschaut – “Was ist hier passiert?” Es war so cool, eine Art Ritual. Und das kann man auch im Song hören, dass wir die erste Emotion direkt reingepackt und nicht zu viel nachgedacht haben.

Ist das auch die Art, wie du normalerweise Songs schreibst?

Das kann ich gar nicht sagen, ich habe kein Rezept oder eine Routine. Ich muss einfach den Moment fühlen. Ich habe auch GarageBand auf meinem Handy, damit ich überall ein paar Basics machen kann, ob im Zug oder im Flugzeug. Manchmal habe ich Ideen, während ich Auto fahre, dann halte ich an und nehme es auf. Aber wenn ich dann tiefer in einen Song eintauchen will, bin ich meist alleine zuhause und es ist nachts, wenn die Stadt schon schläft. Das ist ein spezieller Vibe für mich, der mich emotional macht.

In “Jezinky” hast du auch einige Zeilen auf Tschechisch und Latein. Kannst du erklären, was sie bedeuten?

Es sind magische Formeln im Song. Am Anfang ist erst mal eine Art Versicherung auf Tschechisch: Nimm das hier, damit du mich für immer liebst, nimm es, damit du dich für immer liebst. Und der lateinische Teil ist eine geheime Zutat, die ich reingepackt habe. Das kann ich also nicht verraten.

In deinem Pressetext steht, dass du eine Verbindung zu Italien hast. Stimmt das?

Ja. Ich lebe zur Hälfte in Italien, in Lecce. Ich reise also viel zwischen diesen beiden Ländern hin und her.

Wie hast du deinen speziellen Look als Künstlerin entwickelt?

Das ist ein konstanter Prozess. Ich würde sagen, dass ich noch immer dabei bin, ich zu werden. Es ist wichtig, dass wir uns weiterentwickeln und unsere Persönlichkeiten treffen. Und ich liebe einfach Mode. Es ist nicht so, dass ich mein seltsames Make-Up oder meine extravaganten Klamotten nur auf der Bühne habe. Ich liebe es, sie auch so zu tragen, sie sind ein Teil von mir.

Es gibt also keinen großen Unterschied zwischen der Privatperson und der Person auf der Bühne?

Nein. Ich habe einfach Spaß damit, nehme es auch nicht zu ernst. Visuals sind mir sehr wichtig, ich versuche, mit ihnen spezielle Emotionen zu transportieren. Aber ich möchte auch viel tiefer in die Themen einsteigen und verschiedene Communities supporten, diverse und einzigartige Menschen. Ich liebe Einzigartigkeit und stehe für die Leute ein, die vielleicht nicht gehört werden, die vielleicht weniger Rechte haben. Das inspiriert mich, ich fühle mich wie sie. Vor einigen Jahren habe ich mich mit der LGBTQIA+-Szene in Prag verbunden und wir haben einige Dinge zusammen gemacht.

Wie hat dich denn die Corona-Krise in den vergangenen fast zwei Jahren als Künstlerin getroffen?

Ich habe angefangen, mein Album zu schreiben wie viele andere Künstler. Wir sind noch immer privilegiert und haben viele Möglichkeiten, unsere Gesundheit zu schützen. Es gibt Länder, in denen das viel schwieriger ist. Ich kann mich also nicht beschweren, wir haben all unseren Komfort, obwohl es natürlich hart ist und wir nicht viel arbeiten konnten. Aber wir hatten immerhin etwas Unterstützung vom Staat. Ich denke da eher an die Menschen, die nicht so viel Glück hatten wie wir. Ich hoffe, dass wir da bald rauskommen. Die einzige Sache, die mich wirklich traurig macht ist, dass es uns als Gesellschaft zu spalten scheint. Am Anfang war ich naiv und habe gedacht, dass es uns mehr zusammenbringt und relaxter macht. Aber es ist genau anders gekommen.

Du solltest im Januar 2022 beim Eurosonic-Festival in Groningen auftreten, das nun nur digital stattfinden kann. Wirst du dort dann wenigstens in der Online-Ausgabe zu sehen sein?

Wir hätten eigentlich auf einer tollen großen Bühnen dort spielen sollen, nun findet alles leider nur online statt. Wir werden auf jeden Fall eine spezielle Live-Show dafür auf die Beine stellen. Aber ich bin sehr traurig, dass es nicht vor Ort stattfinden kann. Es ist das erste Mal, dass ich dorthin eingeladen wurde und ich habe von Freunden gehört, dass es toll ist.

Was sind deine Pläne für das kommende Jahr – abgesehen von deiner möglichen ESC-Teilnahme?

Ich möchte mein Album veröffentlichen und damit auf Tour gehen, eine echte Europa-Tournee wäre toll. Es ist aktuell schwierig zu planen, gerade für Independent-Künstlerinnen wie mich. Also mal sehen, was wir tun können.

Mal angenommen du bekommst am Donnerstag das tschechische ESC-Ticket – was wäre das erste, das du machst?

Ich glaube ich würde es mit meinen Freunden und meiner Familie feiern. Sie haben mich wirklich unterstützt, wir haben viel zusammen gearbeitet und sie würden es verdienen. Ich würde also eine nette Party für sie organisieren.

 

(Hinweis: In der tschechischen Auswahl zum Eurovision Song Contest 2022 stehen insgesamt sieben Acts. Über sie stimmt bis zum Mittwoch zu 50 Prozent eine Jury ab sowie zu 25 Prozent das tschechische und zu 25 Prozent das internationale Publikum.)

 

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