2. Februar 2021

INTERVIEW: Sven van Thom

Sven van Thom veröffentlicht in wenigen Tagen ein neues Album. Grund genug, sich gut einem Jahr nach dem Ende der “Popmillionäre” mal nach seinem Befinden zu erkundigen.

Sven van Thom

“Liebe & Depression” heißt das Werk, das am 05. Februar erscheinen wird. Da bleistiftrocker.de-Chefredakteurin Sonja gemeinsam mit Sven in den Jahren 2018/2019 ein Podcast-Team gebildet hat, fragen wir einfach mal kollegial nach, wie es bei ihm gerade so läuft.

bleistiftrocker.de: Im Herbst 2019 haben wir unsere letzte gemeinsame Folge “Popmillionäre” aufgenommen. Erzähl mal, was bei dir seitdem so passiert ist!

Sven van Thom: Ach, nicht viel: Ich bin bloß umgezogen, von Berlin nach Hessen, und dann noch Vater geworden – solche Kleinigkeiten halt, haha! Und dann durfte ich noch etwas namens Pandemie kennenlernen – aber ich glaube, damit war ich nicht der Einzige. Außerdem habe ich endlich mein lange geplantes Album “Liebe & Depression” fertiggestellt.

Du nimmst deine Songs ohnehin immer in Heimarbeit auf. Hat Corona deine Album-Pläne trotzdem irgendwie durcheinander geschmissen?

Höchstens im positiven Sinne, weil ich endlich Zeit hatte, die Arbeit am Album zu beenden und die letzten Songs dafür aufzunehmen. Das war eigentlich nur deshalb möglich, weil die ganzen Live-Shows im letzten Jahr ausgefallen sind. Seit einer gefühlten Ewigkeit musste ich Leute auf später vertrösten, wenn ich gefragt wurde, wann die nächste reguläre Platte rauskommt, die weder Kinderlieder noch humoristische Songs aus meiner Radiokolumne enthält. Jetzt bin ich Corona glatt ein bisschen dankbar dafür, dass mir dieser Freiraum gegeben war.

Dein Album heißt “Liebe & Depression”. Wie passen diese Begriffe deiner Meinung nach zusammen?

Es ist der Gegensatz, den man auf den ersten Blick empfindet, der mich daran interessiert. Trotzdem haben Liebe und Depression ja einiges gemeinsam: In ihren extremsten Formen können beide einen locker aus der Bahn werfen. Und während man mit Liebe erstmal etwas Positives verbindet, kann ihre Abwesenheit einen Menschen hingegen auch sehr leiden lassen, bis hin zur Depression. Es gibt ja auch Leute, die das Verliebtsein ganz nüchtern als eine Dysfunktion des Gehirns werten. Und das hat sie wiederum mit der Depression gemein.

Du hast neulich in einem Post offen von deiner Therapie erzählt. Wie schwer ist dir das gefallen?

Nicht besonders schwer. Meine erste Psychotherapie ist nun fast 10 Jahre her, und ich empfinde sie als eine gute Sache, die ich nur allen wünschen kann, die daran interessiert sind, ihren eigenen Macken und negativen Mustern auf die Schliche zu kommen. Mir war es vielmehr ein Anliegen, dass Depression als Krankheit ernstgenommen wird, und dass sie nichts ist, wofür man sich schämen muss. Vielleicht fällt es mir aber auch relativ leicht, darüber zu sprechen, weil ich kein Extremfall bin. An dieser Stelle mache ich gerne auf den Verein “Freunde fürs Leben” aufmerksam, der über Depressionen und Suizid aufklärt. Auf deren Website findet man auch Kontakte zu Anlaufstellen, an die man sich wenden kann, wenn es einen schlimm erwischt und man einfach nicht weiterweiß: www.frnd.de

Während du bei Tiere streicheln Menschen und Pudding mit Frisur häufig sehr lustig unterwegs bist, hat dein neues Album sehr viele ernste Momente. Welche Songs magst du denn selbst lieber und welche sind schwerer zu schreiben?

Lustig zu sein, kann ein ziemlich schwerer Beruf sein – vor allem, wenn eine Deadline (entweder eine Live-Premiere oder eine Radiokolumne) zeitlichen Druck aufbaut. Deshalb würde ich sagen, dass humoristische Lieder schwieriger zu schreiben sind. Aber auch für berührende Melancholie muss man in der richtigen Stimmung sein. Für mich ist dieses Album ein bisschen wie eine Auszeit von der Welt der Albernheiten, in der ich mit Tiere streicheln Menschen ja fast pausenlos unterwegs bin, entweder auf der Bühne oder im Radio. Und oft sind es doch die ernsthaften Lieder, die mir mehr am Herzen liegen.

“Darüber kann ich nicht lachen” ist schon vor einigen Jahren in anderem Kontext entstanden. Warst du selbst erstaunt, wie gut es auch auf die aktuelle Lage passt?

Das Lied entstand zu der Zeit, als Pegida ein großes Thema war. Selbst vor fünf Jahren war wohl schon so langsam klar, dass die damaligen Probleme uns als Gesellschaft noch eine Weile beschäftigen werden. Dass es so heftig wird, habe ich jedoch wahrscheinlich nicht geahnt. Von daher war ich schon ein bisschen erstaunt, dass der Text noch immer so klingt, als hätte ich ihn erst gestern geschrieben. Schön fürs Lied, scheiße für die Gesellschaft!

Wie frustrierend ist es, zu einem neuen Album keine Konzerttermine veröffentlichen zu können?

Ehrlich gesagt: Ich bin gerade so sehr aus der Übung, vor allem, was das Gitarrespielen betrifft, dass ich fast ein bisschen Bammel davor habe, wieder auf die Bühne zu müssen, haha! Das Gitarrespielen nimmt bei der Plattenproduktion ja nur relativ wenig Zeit in Anspruch. Stattdessen saß ich monatelang an den Abmischungen, habe mich um Fotos oder das CD-Artwork und um Videoclips gekümmert. Jetzt kommen ein Haufen Interviews und unzählige kleinteiliger Aufgaben hinzu, die es mir zeitlich kaum erlauben, die Gitarre überhaupt mal in die Hand zu nehmen. Für einen Musiker mache ich gerade ganz schön wenig Musik, haha!
So geht es mir eigentlich schon seit Jahren, dass sich vor neuen Live-Programmen in mir eine ganz schöne Panik aufbaut. Die Panik verfliegt aber normalerweise nach dem ersten Auftritt. Ein bisschen habe ich die auftrittsfreie Zeit also genossen – ich hatte seit über 20 Jahren noch nie eine so lange Phase ohne Auftritte – aber ich bin auch froh, wenn es in ein paar Monaten hoffentlich wieder losgehen kann. Daumen drücken!

Was glaubst du, wann du wieder Konzerte spielen kannst?

Für die geplanten Sommer-Open-Airs bin ich relativ optimistisch – unter Auflagen sollte da doch einiges möglich sein! Ich habe für Mai zwar schon was geplant, aber da bin ich doch noch sehr gespannt, ob so schnell schon die Maßnahmen gelockert werden können.

Zu Beginn der Corona-Zeit hast du einen Account bei Patreon eröffnet. Du hast jetzt die Chance, hemmungslos Werbung dafür zu machen – was bekommt man dort von dir?

Was alle meine sogenannten Patrons bekommen, ist Zugang zu meinem Archiv bisher unveröffentlichter Songs. Dieses Archiv wächst ständig, weil monatlich bis zu drei neue oder alte Lieder dazukommen – teils sogar ganze Alben oder EPs, die ich nie rausgebracht habe. Das sind manchmal schraddelige Demos, manchmal aber auch hübsch ausproduzierte Aufnahmen. Auf jeden Fall sehr abwechslungsreich. Zu jedem Song schreibe ich auch etwas zur Entstehungsgeschichte auf – das wird oft sehr persönlich.
Mit einem monatlichen Beitrag von 3 Euro kann man schon dabei sein. Für 10 Euro kann man sich bereits als Unterstützer*in im Booklet meiner nächsten Tonträger verewigen lassen. Und es besteht auch die Möglichkeit, mit mir zusammen live ein Duett zu singen, sobald ich wieder auf Tour bin – darauf bin ich schon besonders gespannt.
Bei Patreon geht’s vor allem darum, dass man Künstler in dem, was sie tun, unterstützt. Und ich bin echt froh, dass ich meine Seite im letzten Jahr gestartet habe. Es macht erstaunlich viel Spaß und ist um einiges dankbarer als alle anderen Social-Media-Seiten, die man ständig mit kostenlosem Content füttern soll.

Was machen deine anderen Projekte, Tiere streicheln Menschen und Pudding mit Frisur, aktuell?

Pudding mit Frisur ist seit 2019, mit dem dritten Teil der CD-Reihe abgeschlossen, schließlich gibt es die entsprechende Radiosendung ja auch nicht mehr. Ich bekomme immer wieder vereinzelte Nachfragen, wo man Teil 1 noch auf CD bekommen kann. Ich hatte davon nur 300 Stück pressen lassen, die längst ausverkauft sind. Aber ich weiß nicht, ob es sich wirklich lohnt, nochmal eine Auflage herstellen zu lassen. Mal sehen.
Mit Gotti bin ich seit fast anderthalb Jahren wieder als Tiere streicheln Menschen wöchentlich auf RadioEins zu hören. Und im Sommer wollen wir natürlich gerne alle Live-Shows nachholen, die 2020 coronabedingt verschoben werden mussten.

Wir haben mal eine schöne Jahresendfolge zusammen aufgenommen, deshalb möchte ich dich das unbedingt noch fragen: Welches Album und welcher Song waren 2020 deine Favoriten?

Die beste Laune hat mir das Lied “Plan B” von Die Ärzte gemacht. “HELL” ist auch mal wieder eine super Platte geworden. Aber das aktuelle, selbstbetitelte Album von Die Sterne war auch eine schöne Überraschung – die ist dann wohl auch mein Favorit. Ich hätte ja an dieser Stelle gerne gesagt: “McCartney III” – is’ aber leider nich’ so doll!
Aber wenn wir schon dabei sind: Über Crowdfunding konnte man im Dezember schon das neue Album von Karl die Große bekommen, das offiziell erst in ein paar Wochen erscheinen wird: “Was, wenn keiner lacht”. Das hat mich echt umgehauen. Jetzt schon die Platte des Jahres 2021!

 

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Foto: Ina Simone Mautz

 

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