René Miller: „Es ist eine sehr lange Reise mit ‚Concrete Heart'“

René Miller wird am 3. März bei „Unser Lied für Liverpool“ mit seinem Song „Concrete Heart“ ins Rennen um das deutsche ESC-Ticket gehen. Wir haben uns mit ihm unterhalten.

René Miller, Unser Lied für Liverpool

Im Zoom-Interview mit bleistiftrocker.de spricht René Miller unter anderem über die komplizierte Entstehung von „Concrete Heart“, seine Arbeit als Songwriter für andere und seine Fußball-Ambitionen als Jugendlicher.

 

Worum geht es in deinem Song?

Mein Song „Concrete Heart“ ist über das Thema einer toxischen Beziehung, die mir auch selbst passiert ist. Dementsprechend habe ich den Song auch geschrieben. Eine toxische Beziehung ist so ein schleichender Prozess, das ist mir irgendwann bewusst geworden. Zwei Jahre, nachdem die Beziehung zu Ende war, habe ich das Ganze erst so ein bisschen realisiert, was da eigentlich mit mir passiert ist. Und aus dieser Emotion habe ich den Song geschrieben. Ich habe dann erst verstanden, was ich eigentlich mit mir habe machen lassen. Es hat mich so geärgert, dass ich dann diese Zeilen „I hate the way you build me up to knock me down“ aufgeschrieben habe. Und das beschreibt eine toxische Beziehung gut: Du baust jemanden auf, du zeigst ihm, wie schön die Liebe sein kann, aber auch, wie sehr sie wehtun kann. Und aus dieser Emotion bin ich auf den Titel „Concrete Heart“ gekommen und habe den ganzen Song geschrieben.

Und wie ging es mit dieser ersten Idee weiter?

Es ist eine sehr lange Reise mit diesem Song. Die ersten Zeilen hatte ich während der Pandemie, wo wir alle sehr viel Zeit hatten nachzudenken. Und das war das, was ich gebraucht habe, um auch mal zu reflektieren. Weil man die ganze Zeit unterwegs ist und überall Ablenkung hat. Ich habe den Song zusammen mit einem Kumpel aus London geschrieben. Durch die Pandemie konnten wir nicht zusammen ins Studio gehen, dementsprechend haben wir alles über Facetime gemacht – ich saß am Klavier, er saß am Klavier. Dann haben wir es quasi über das Handy geschrieben. Dadurch, dass ich nicht mal eben nach London fliegen konnte, hatten wir erstmal nur eine Klavieraufnahme und die Stimmen. Aber meine Vision war, dass es groß wird und viel Kraft haben wird. Der Song war als Demo sehr reduziert. Als man wieder fliegen konnte und ich nach London gekommen bin, haben wir angefangen, den Song zu produzieren. Und dann ist dieses ganze Konzept langsam zum Leben erwacht. Wir hatten zwischen 20 und 30 Versionen von diesem Song, bis wir gesagt haben: Yes, das ist es. Im Endeffekt war es ein Prozess über zwei Jahre.

Und wann war dir klar, dass „Concrete Heart“ etwas für die ESC-Bühne sein könnte?

Als wir den fertigen Song hatten. Weil ich dann gemerkt habe, dass es diese Drums und die Energie im Chorus hat, was für eine Show wie beim ESC perfekt reinpassen würde. Das war das erste Mal, dass ich darüber nachgedacht habe. Ich hatte nie den ESC im Kopf und habe auch nie gedacht: Ich schreibe einen Song, mit dem ich beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest auf der Bühne stehe. Aber als ich den fertigen Song meiner Plattenfirma gezeigt habe, war es das erste Mal, dass ich dachte: Das könnte vom Timing her ganz gut passen. Ich hatte es zwar nicht geplant, aber es fühlt sich irgendwie richtig an. Und ich bin ein Bauchgefühl-Mensch. Umso glücklicher war ich, als die Bestätigung kam, dass wir im Vorentscheid dabei sein würden.

Du bist auch Songwriter für andere Acts. Was ist der größte Unterschied, wenn du für dich selbst Songs schreibst?

Ich habe sehr lange eigentlich ausschließlich für andere Künstler geschrieben. Und man verpackt in Songs immer automatisch auch ein Stück von sich selbst. Man versetzt sich in die Person, ich schaue in mein Leben und stelle mir vor, wie sie sich gerade fühlt und was für Situationen in meinem Leben ähnlich waren. Und der große Unterschied bei meinen Songs ist, dass ich wirklich aus dem Vollen schöpfen kann und komplett auf meine Storys eingehen kann. Und das war genau der Grund, warum ich gesagt habe, dass ich wieder selbst Songs veröffentlichen möchte. Weil ich Songs geschrieben habe, die so persönlich waren, dass ich sie nicht weggeben wollte.

Hattest du auch schon Berührungspunkte mit dem ESC?

Ich habe schon mit sehr vielen Leuten gearbeitet, die für ihr Land beim ESC auftreten durften. Und die haben von diesem Event erzählt und man kann es wahrscheinlich nicht beschreiben, bevor man es selbst erlebt hat.

Mit wem hast du da beispielsweise gearbeitet?

Vor kurzem kam ein Song raus mit Ilse DeLange, die 2014 für die Niederlande mit diesem unfassbaren „Calm After The Storm“ dabei war. Mit Michael Schulte habe ich schon gearbeitet, mit Malik Harris war ich letztes Jahr kurz auf Tour. Den Songwriter und Produzent von „Arcade“ von Duncan Laurence kenne ich tatsächlich auch schon ein bisschen länger. Der hatte dann auf einmal einen Song geschrieben, der Multi-Platin gegangen ist, völlig absurd. Das ist das, was der ESC machen kann.

Wie ist es für dich, dass viele Leute von dir geschriebene Songs hören, aber wahrscheinlich die wenigsten dich auf der Straße erkennen?

Ich war noch nie wirklich scharf drauf, auf die Straße zu gehen und zu sagen: Guck mal, die Leute erkennen mich. Ich habe erst im letzten Jahr so richtig gecheckt und verstanden: Okay, ich habe hier einen Song geschrieben, der hat eine Milliarde Streams – aber was bedeutet das eigentlich? Und das konnte ich mir durch die Pandemie nie beantworten. Mir ist es erst so richtig bewusst geworden, als ich im Sommer letzten Jahres nach Fuerteventura geflogen bin. Wir waren vier bis fünf Flugstunden weg von Deutschland und auf irgendeinem Boot unterwegs. Und mich hat ein Typ gefragt, was ich beruflich mache. Und er kannte tatsächlich Songs von mir. Das war krass. Vor einigen Wochen war ich in Bangkok, um das Musikvideo für „Concrete Heart“ zu drehen. Und wir sitzen im Taxi, als auf einmal ein Song kommt, den ich geschrieben habe. Das ist schon ein verrücktes Gefühl. Das wird nie normal und man freut sich immer wie ein kleines Kind.

Wer dich nicht kannte war Jan Böhmermann, der in „Fest und Flauschig“ vermutet hat, du seist ein ostdeutscher DJ. Das hast du in einem Video entsprechend auf die Schippe genommen.

Ich bin riesiger „Fest und Flauschig“-Fan und mir hat eine Freundin erzählt, dass ich da im Podcast vorkommen würde. Ich warte also auf diese Stelle und dann heißt es: „René Miller, ich will ihm nicht zu nahe treten, aber das ist doch irgendein ostdeutscher DJ.“ Und ich dachte: Immerhin haben sie meinen Namen genannt, mega cool. Und wir arbeiten daran, dass sie meine Musik kennenlernen. Wenn nicht, ist es aber auch nicht schlimm. Aber ich fand es eher witzig.

In deinem Video sitzt zu teilweise am Klavier und teilweise stehst du am Mikrofon. Wie wird das beim Vorentscheid sein?

Ein Klavier wird nicht auf der Bühne stehen. Das, was man im Musikvideo gesehen hat, wird nicht beim ESC-Vorentscheid stattfinden, so viel kann ich sagen. Ich werde also nicht mit einem Klavier da sein und man kann sich vorstellen, dass ich dann eher am Mikrofon stehe.

Du wolltest ursprünglich Profi-Fußballer werden. Wie war das und wo hast du gespielt?

Ich habe beim SV Böblingen gespielt, in der 3. Liga in der Jugend, drei oder vier Jahre. Ich war sehr ambitioniert, in die Oberliga und Bundesliga zu kommen, habe den Schritt aber nie geschafft. Und irgendwann dachte ich mir: Du spielst jetzt hier in der dritthöchsten Liga, das macht mega Bock. Aber ich hatte viele Freunde, die dann in der Bundesliga gespielt haben und habe gemerkt, dass ich die letzten zehn Prozent, die nötig gewesen wären, nicht erreicht habe. Das war die Zeit, in der Musik für mich immer mehr an Stellenwert gewonnen hat. Und das war für mich dann auch wieder so ein Bauchgefühl. Mir macht Fußball nach wie vor unfassbar viel Spaß, aber ich bereue die Entscheidung überhaupt gar nicht. Ich habe eine Leidenschaft zurückgestellt, um mich voll auf die Musik konzentrieren zu können und ich bin froh, dass ich die Entscheidung so getroffen habe.

 

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Foto: Promo