Suede: „‚Autofiction‘ ist unser größtes Album seit langem“

Mit ihrem neuen Album „Autofiction“ haben Suede stark abgeliefert und in Deutschland ihre erste Top-20-Platzierung erreicht. Wir haben uns mit Bassist Mat Osman unterhalten.

Suede

Im Telefon-Interview während der aktuellen Tour spricht das Suede-Gründungsmitglied unter anderem über den Live-Charakter des neuen Albums, Gigs unter falschem Namen und das anfangs schwierige Verhältnis zum deutschen Publikum.

 

bleistiftrocker.de: Uns wurde gesagt, dass es eine Überraschung ist, wer von der Band heute mit uns sprechen wird. Wie entscheidet ihr, wer die Interviews übernimmt?

Mat Osman: Normalerweise macht das Brett. Aber weil wir gerade auf Tour sind und jeden Abend Gigs haben, versucht er, seine Stimme zu schonen. Und dann mache das meistens ich. Denn ich bin jetzt auch schon 100 Jahre in dieser Band und weiß ungefähr, was los ist. (lacht)

Wie läuft es denn aktuell auf Tour?

Es ist toll. Aber auch seltsam, denn wir spielen nur diese kleinen Shows. Die Idee, als wir das Album aufgenommen haben, war, es auf eine Live-Art zu tun. Es sollte sich anfühlen, als würdest du eine Band in einem kleinen Raum sehen. Wir wollten also, bevor wir Festivals spielen, in diese kleinen Venues gehen, in denen wir gespielt haben, als wir in unseren Zwanzigern waren. Einfach, um diese Aufregung und das Physische zu spüren. Und es macht viel Spaß. Die Platte ist dazu gemacht, live gespielt zu werden.

Wann war euch denn klar, dass „Autofiction“ diesen Live-Charakter bekommen soll?

Wir hatten schon vor dem Lockdown über das Album nachgedacht. Nach einigen eher komplizierten Alben hatten wir die Idee, die Live-Seite von Suede einzufangen. Die ursprüngliche Idee war, einige Fans entweder ins Studio oder in einen anderen Raum zu bringen und vor ihnen aufzunehmen. Denn es ist eine ganz andere Dynamik, wenn du ein Publikum dabei hast. Dann kam Corona und es war genau das, was man nicht machen konnte. Wir hatten aber schon angefangen und mochten die Idee, live-klingende Songs zu machen. Und auf eine seltsame Art hat es gut geklappt. Wir haben während des Lockdowns geprobt und hatten den Proberaum für uns, keine Techniker oder so, nur wir fünf. Es hat sich komischerweise ähnlich angefühlt wie damals, als wir angefangen haben. Und dieser Spirit hat angehalten. Wir haben es so live wie möglich aufgenommen. Man hört Fehler und wie Songs schneller und langsamer werden, all diese Dinge.

Brett hat es ein „Punk-Album“ genannt. Siehst du das auch so?

Ja, wenn es um die Attitüde geht. Wir wollten uns nicht um den Glanz kümmern und darum, dass es perfekt klingt. Es sollte rau sein und Energie und Enthusiasmus haben. Musikalisch hat es wenn dann Einflüsse von Post-Punk-Bands wie Public Image oder The Banshees.

Ihr habt sogar einen intimen Gig unter einem anderem Namen gespielt. Wie kam es dazu?

Wir hatten diese Idee, um die Songs auszuprobieren. Um die Reaktionen zu sehen und das, was die Menschen daraus machen. Es ist sehr seltsam: Wenn du einen Song zum ersten Mal live spielst, ändert er sich für dich komplett. Du siehst zum ersten Mal, wie sich Menschen dazu bewegen und wie sie darauf ansprechen. Das verändert den Song vollständig. Wir wollten also rausgehen wie eine neue Band und Support-Slots, bei Clubnights und Battle Of The Bands spielen. Aber es ist unmöglich, das in London geheim zu halten. Faris von der Band The Horrors hat eine Clubnight veranstaltet und wir haben ihn gefragt: ‚Können wir kommen? Sag keinem, dass wir es sind!‘ Und wir haben es fast bis zum Tag des Auftritts geschafft, dass es niemand rausbekommen hat. Aber dann hat es jemand ausgeplaudert und alle sind gekommen.

Ihr habt „Bloodsports“, „Night Thoughts“ und „The Blue Hour“, die nach eurem Comeback erschienen sind, als auf eine Art zusammenhängende Alben beschrieben. Wo steht „Autofiction“ in dieser Reihe?

Es ist ein kompletter Bruch, denke ich. „The Blue Hour“ war so weit, wie wir in diesen künstlerischen Raum gehen wollten. Es hatte Orchester und Spoken-Word-Teile. Es ist eher eine künstlerische Art der Rockmusik. Ich mochte es sehr, aber es hat sich so angefühlt, dass wir damit so weit wie möglich gegangen waren.

Eure Promotion war auch darauf ausgerichtet, mit „Autofiction“ eine gute Chartposition zu erreichen. Ist das noch immer so wichtig, wie es früher war?

Ich glaube nicht, dass der Fokus so sehr auf einer guten Chartposition lag. Eher darauf, es vor so vielen Leuten wie möglich zu spielen. Wir sind sehr stolz auf das Album, so einfach ist das. In Großbritannien wurde es viel im Radio gespielt, was toll ist. Denn „The Blue Hour“ war einfach kein Radio-Album. Ich meine: Wir versuchen bei jedem Album, es vor so vielen Leuten wie möglich zu präsentieren. Aber wir hatten das Gefühl, dass das bei Leuten so gut ankommen könnte wie lange nicht mehr. Und das ist passiert. Es ist unser größtes Album seit langem. Es ist unsere beste Chartplatzierung in Deutschland, das ist unglaublich.

Es ist auf Nummer 20 eingestiegen.

Das klingt nicht viel, aber wir waren zuvor nie in Deutschland in den Top 20. Was toll ist: Du nennst es Promotion, aber es ist eigentlich nur live spielen.

Wie ist denn eure Beziehung zu Deutschland? In eurer frühen Biografie „Love And Poison“ kam der deutsche Musikgeschmack nicht besonders gut weg …

Es hat eine lange Zeit gedauert. Ich glaube es gibt ein bisschen Misstrauen in Deutschland gegenüber britischen Bands. Gegenüber der Schnelligkeit, mit der Dinge aufgebaut und wieder eingerissen werden. Aber die gute Seite ist: Wenn du dranbleibst und immer weiter gute Alben machst, wissen die Leute das wirklich zu schätzen. Es ist ein bisschen seltsam: An vielen Orten, an denen wir spielen, wird das Publikum ein bisschen ruhiger, weil sie und wir älter geworden sind. Aber in Deutschland ist das nicht wirklich so. In den Neunzigern kamen die Leuten und haben zugeschaut, waren sich aber nicht so sicher. Aber einige meiner Lieblingsshows in den vergangenen zehn Jahren waren an Orten wie Berlin, wo es wirklich wild war.

Im Song „That Boy On The Stage“ beschreibt Brett sein Alter Ego auf der Bühne. Findet ihr anderen Bandmitglieder euch darin auch wieder?

Ja, natürlich. Du bist ein Performer. Ich bin immer verwirrt, wenn ich Bands sehe, die auf der Bühne gar nichts machen. Die nicht aussehen, als würde sie es bewegen. Ein toller Auftritt ist die Gelegenheit, dich auch ein bisschen zu verlieren. Dich so zu benehmen, wie du es normalerweise nicht tun würdest – herumwirbeln, tanzen, schreien. Und zwar nicht nur wir, sondern auch das Publikum. Es ist dieser einvernehmliche Wahnsinn. Ich liebe das. Und je älter ich werde, desto wichtiger wird es mir – als Gefühl, das man sonst nirgends bekommt.

Ihr habt alle auch andere Projekte abseits von Suede. Natürlich Musik, aber bei dir ja beispielsweise auch Literatur. Wie wirkt sich all das auf die Band aus?

Ich finde, dass es sehr wichtig ist, hungrig zu bleiben auf neue künstlerische Dinge. Brett hat beispielsweise einige Memoiren geschrieben und gesagt, dass es sein Songwriting sehr beeinflusst hat. Und oft ist ein Startpunkt eines Songs auch ein Film oder ein klassisches Musikstück. Und ich hätte nie einen Roman schreiben können, wenn ich nicht in einer Band gewesen wäre.

Und wann kommen deine Memoiren?

Oh je, ich habe die schlechteste Erinnerung der Welt. Das hat mich bei Bretts Memoiren fasziniert: Ich kenne ihn ja schon so lange und als ich sie gelesen habe, dachte ich „Ah, ja, jetzt erinnere ich mich wieder“ – über Dinge aus unserer Teenager-Zeit, die ich komplett vergessen hatte.

Du bist der einzige aus der Band, der auf einem eigenen Twitter-Account sehr aktiv ist. Wie kam es dazu?

Ich glaube, dass ich mich einfach nur schnell langweile. Ich poste viel, wenn wir touren, weil ich einfach gerne mit Menschen spreche. Die Idee der anderen ist: Man braucht ein paar Geheimnisse. Aber bei mir ist es einfach Langeweile. Und ich glaube, dass es Menschen fasziniert, wie mondän das Touren ist. Ich mochte es nie, zu viel zu posten wie „Was für ein toller Gig!“. Es geht eher um „Schaut euch die Sandwiches backstage an, so lebe ich, ein 55 Jahre alter Mann!“ (lacht)

Zum Abschluss eine sehr große Frage: Wo siehst du die größten Unterschiede in der Musikindustrie heutzutage im Vergleich zu damals in den Neunzigern?

(überlegt) Das ist eine sehr schwierige Frage. Es ist eine großartige Sache, dass heute alle Zugang zu jeder Musik haben, das ist sehr demokratisch. Und es ist faszinierend, an Orte wie Chile zu kommen, wo wir vor einigen Jahren zum ersten Mal waren, und es kommen tausende junge Menschen, die unsere Songs kennen. Das hätte vor 30 Jahren nicht passieren können. Die Sache, die mich vor allem in Großbritannien aber wirklich besorgt: Dass es für junge Bands fast unmöglich ist, von der Musik zu leben. Als wir mit Suede begonnen haben, waren wir wahnsinnig arm, aber wir konnten davon leben – in London gab es Orte, an denen man für wenig Geld leben konnte. Das ist heutzutage unmöglich. Und so wird das Musikbusiness immer mehr zum Spielplatz von Rich Kids. Menschen mit Hintergründen wie bei Brett und mir können kaum noch eine Band gründen. Es macht mir Angst, wenn ich sehe, dass durchaus erfolgreiche junge Bands alle noch andere Jobs haben. Da wird mir klar, wie privilegiert wir waren. Vom Moment an, als wir einen Plattenvertrag hatten, mussten wir nie wieder etwas anderes machen.

 

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Foto: Dean Chalkley

 

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